Von Kinderlachen im Hospiz und Herzschmerz

„Cheryl, du kannst ein 2-jähriges Kleinkind doch nicht jeden Tag in ein Hospiz mitnehmen!“ – aber klar doch, warum denn nicht?

Ja, warum denn nicht?

Vor bereits über einen Monat haben wir die Oma verloren. Sie ging nicht still und heimlich, nein, sie ging langsam und leidvoll. Ihre letzten Monate verbrachte ich die meiste Zeit meines Tages bei und mit ihr – und mein 2-jähriges Kind auch.
S. und die Oma waren ein gutes Team. Sie trägt nicht nur Omas Vornamen als Zweitnamen, sondern hatte auch das Glück so ein enges Verhältnis zu ihr aufzubauen, dass die Oma ihre zweite Bezugsperson wurde. Die zweite Bezugsperson. Also.. wie bei anderen Kindern ein Elternteil. So eine Art von Oma war sie. Eine die den Alltag ihres Enkels so prägte wie eine Mutter oder ein Vater.

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Als wir die Oma im Februar wegen einer „Lappalie“ ins Krankenhaus brachten, wussten wir noch nicht, dass sich in nur einer Woche bereits Alles ändern würde. Und es änderte sich wirklich Alles.

Vom Tag der Einweisung dauerte es 6 Tage bis zur Krebsdiagnose. 7 Tage bis zum ersten Wirbelbruch – im Liegen, wohlgemerkt. Sienna und ich dabei. Nach dem Anpassen einer Korsage und der ersten Chemo-Besprechung, Ärzten die nach der Krankenhausentlassung vergaßen Schmerzmittel aufzuschreiben und einer Arzthelferin die mich wegen ihrer schroffen Art mitten in der Onkologie in Tränen ausbrechen ließ, war ich froh die Oma endlich Zuhause pflegen zu dürfen. Irgendwie dachte ich Zuhause wird alles einfacher – da kann S. spielen und ich mich um Alles kümmern. Irgendwie.

Was ich nicht wusste war, dass es niemals auf die leichte Art kommt. Auch nicht irgendwie.

Es folgte dann einmal die Woche Chemotherapie. Mit S. im Schlepptau. Arztbesuche, Stammkunden in der Apotheke, das Kind immer an der Hand, die Oma im Rollstuhl. Ich funktionierte, aber im Automodus. Während ich den Alltag bekämpfte trug S. fürsorglich die Wärmflaschen an Omas Pflegebett, spielte mit Spritzen, die sie vom Onkologen geschenkt bekam und fragte die Oma immer wieder ob sie irgendwelche Wünsche hat. Dann kam der Chemo-Abbruch, erneute Krankenhausaufenthalte, Verweigerung der Nahrungsaufnahme, starke Wesensänderung, Bettflucht. Aussichtslosigkeit. Angst. Jeden Tag, über Wochen, bis ich nach Hilfe nur so bettelte. Wegen Omas mittlerweile sehr schlimmen Allgemeinbefinden bekamen wir dann sehr schnell einen Platz im Hospiz. 8 Betten für eine ganze Kreisstadt. Stellt euch das vor – nur 8 verdammte Plätze für einen Kreis mit mehreren 100 000 Menschen.

Ein Hospiz ist nicht dafür bekannt, dem Leben mehr Tage zu geben – sondern den Tagen mehr Leben zu geben. Und das tat es. Einen Monat lang. Und es rettete mich vor einem psychischen breakdown, denn meine Kraftreserven waren leer.

Als die Oma ins Hospiz kam, da war natürlich auch S. mit dabei. Und genauso wie die Oma dort umsorgt und versorgt wurde, so wurde es auch mein Kind. Nach nur wenigen Tagen haben sich die Pfleger, Sozialarbeiter und Haushälter in S.’s Herz vorgearbeitet. Für sie gab es täglich einen extra zubereiteten Schoko-Nachtisch, sie ließen S. die Fische im Aquarium füttern und brachten uns Kinderbücher über den Tod mit.

Ich hatte Angst, andere Hospiz-Patienten könnten sich von einem lauten und tobenden Kind auf dem Flur des doch recht kleinen Gebäudes gestört fühlen. Aber nein, sie brachte allen Sonnenschein und Freude. Täglich. Jeder freute sich über den kleinen Wirbelwind, der draußen auf der Terrasse verstecken spielte, über das „Eins, Swei, Vier.. is komme!“, über das „Halloooo Oma!“ jeden morgen um 9 Uhr, über die Ballet-Tänze auf dem Hospizflur und über schrillen Kindergesang der durch das ganze Haus schallte. Der Mann im Rollstuhl, die Frau die mit dem Bett in den Garten geschoben wurde, jedem entglitt ein Grinsen wenn sie auf diesen kleinen Wildling trafen.

Unser Leben verwandelte sich langsam wieder von grau in grau zu grau in bunt. Und trotzdem entglitt uns nach und nach das Leben unserer geliebten Oma. Umso ferner sie mir durch die Wesensänderung mittlerweile manchmal geistig war, desto näher war sie noch dem kleinen Kauderwelsch-quatschenden Kind, das keinen Stress ausstrahlte und ihr wahrscheinlich eine Kommunikation ohne Worte so einfach machte. S. hatte zum Ende hin einen unglaublichen Zugang zu ihr. Und ich bin so, so froh darüber. Für Oma.

Kinder und das Sterben? Das geht – wenn man sie daran teilhaben lässt, wenn man kindgemäß erklärt und sie Fragen stellen lässt. Sterben ist was Natürliches. Niemand wird alleine geboren – Niemand soll alleine von uns gehen. Und es gibt keinen Grund diesen Prozess vor unseren Kindern zu verstecken. Unzählige Male habe ich vor meinem Kind geweint. Als ich ihr sagte, dass die Oma nun tot ist, da weinten wir beide. Wir weinen auch einen Monat später noch gemeinsam. Sie verarbeitet. Ich verarbeite. Zusammen haben wir uns. Und die Oma im Himmel.

„Ich bin nicht tot,

ich tausche nur die Räume,

ich leb‘ in euch

und geh‘ durch eure Träume.“

– Michelangelo

2 Gedanken zu “Von Kinderlachen im Hospiz und Herzschmerz

  1. kaethemargarethe schreibt:

    Ich habe drei Monate viel Zeit im Hospitz verbracht, die letzte Zeit mit meiner Partnerin.
    Es war eine gute Zeit, traurig auch, wir wussten, wir müssen Abschied nehmen und hätten gern noch vieles miteinander gelebt, doch anders als zuvor in Krankenhäusern, in denen Menschen den Betrieb manchmal nur stören, ist das ein Ort, wo Menschen angenommen werden, bis zu zuletzt.

    Ich erinnere an ein kleines Mädchen, D, sie war drei. T, warum brauchst du eine Windel, du bist doch kein Baby, könntest meine Oma sein. T hat Antworten gefunden. D ist immer wieder zu uns gekommen, auch als T nicht mehr sprechen konnte.

    Ich selbst habe begonnen, mich mit Tod und Sterben auseinander zu setzen, als ich fünf war. Seinerzeit starb ein gleichaltriger Cousin.

    Auch Dein Kind wird sich damit befassen. Irgendwann …

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    • Cheryl schreibt:

      Liebe kaethemargarethe, erstmal: Danke für deinen Kommentar. Ich las ihn damals, aber fand nicht direkt die passenden Worte für eine Antwort und vergaß schließlich, doch noch eine Antwort zu tippen. Bitte entschuldige.

      Es tut mir wirklich sehr Leid von deinem, eurem Schicksal zu lesen. Man liest aber aus deinen Worten, dass dieses kleine Kind genau zum richtigen Zeitpunkt in euer Leben trat. Ich hoffe sie konnte T. in den letzten Wochen noch viel Kinderfreude geben.

      Mein Kind redet jetzt noch, 3 Monate später stets von der Oma. Sie spricht zu ihr und pflückt ihr Blumensträuße, die wir dann zusammen unter Omas Magnolie legen. Ich hoffe, dass ich ihr nicht zu viel zugemutet habe, aber sie scheint so erwachsen für ihr Alter, zumindest was das Thema betrifft.

      Ich wünsche dir alles Gute 🙂

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