Olivias Hausgeburt (HBAC) – Geburtsbericht

Es ist Sonntag – um 3 Uhr morgens werde ich erstmalig von einer leichten Wehe geweckt. Die ganze Schwangerschaft hatte ich nicht eine einzige Übungs- oder Senkwehe und freute mich nun umso mehr endlich was zu spüren. An Schlaf war also nicht mehr zu denken. Ich wehte den Morgen unregelmäßig im Bett vor mich hin und war ganz enttäuscht, dass die Wehen nach dem Aufstehen wieder weniger wurden. Am Tag war teilweise auch stundenlang Ruhe – also ging ich erstmal von nichts aus.

Abends gegen 20 Uhr, als James und ich endlich auf dem Sofa lagen kamen die Wellen dann ganz langsam und regelmäßiger, jedoch mit großen Abständen, zurück. Um 22 Uhr gingen wir schließlich ins Bett, James rechnete noch damit am nächsten Morgen um 5 Uhr für die Arbeit aufstehen zu müssen.
Recht schnell schlief ich ein, ich war ja schon seit 3 Uhr am Morgen wach, und wurde immer kurz von den Wellen geweckt, die ich zunächst im Liegen entgegen nahm.

Die große Müdigkeit ließ mich jedoch immer wieder sofort einschlafen. So ging das eine Weile – nach einiger Zeit musste ich während jeder Welle in den Vierfüßler gehen, legte mich danach wieder hin und schlief direkt weiter.

Wegen der kurzen Schlafintervalle zwischen den Wellen hatte ich aber überhaupt keinen Überblick über die Abstände und dachte auch noch garnicht daran diese zu beobachten. Erst als ich kurze Zeit später währendessen aufstehen musste, realisierte ich langsam, dass ich wohl diese Nacht mein Kind gebären werde. Mitlerweile war es Montag, der 13. Januar. Ich trackte jetzt doch mal die Zeitabstände, während ich am Fußende des Bettes oder am Fußboden liegend auf der Isomatte unter dem Gebärtuch, das von der Decke hing, kurze Schläfchen hielt, um bei der nächsten Welle sofort wieder aufstehen zu können. Sehr kurze Schläfchen – denn nun erkannte ich, dass die Abstände der Wellen bei nur ca 2 Minuten lagen.
Uns wurde nun immer mehr bewusst, dass wir wirklich in der Geburt waren.

James zündete also die Kerzen auf den Fensterbänken im Schlafzimmer an und ließ mich einfach in Ruhe, legte sich wieder ins Bett aber konnte natürlich auch nicht schlafen.
Um 2 Uhr Nachts, nach knapp 3 anstrengenden Stunden spürte ich aufeinmal den starken Drang einfach loszuweinen und Dampf abzulassen. Das sagte ich James um ihn vorzuwarnen und ließ dann alle Pforten offen.

Ich entschied, dass James nun einmal die Hebamme anrufen sollte. K. ging direkt ans Telefon und wollte mich persönlich sprechen. Ich, immer noch am weinen, erzählte ihr von den vergangenen Stunden und fragte ob ich mal versuchen sollte in die Badewanne zu gehen. Danach sollte ich mich nochmal melden.
James bereitete also die Wanne vor und legte sich so lange ins Wohnzimmer. Das Wasser wurde wegen des kleinen Nachtspeichers aber garnicht richtig warm. Ich legte mich mit Oberteil seitlich ins Wasser und veratmete so ca 25-30 Minuten die Wellen. An sich waren sie sehr gut so zu verarbeiten, aber die Wanne war einfach zu eng, unangenehm und das Wasser sowieso zu kalt. Ich stieg also wieder aus und wir gingen wieder ins Schlafzimmer. Mitlerweile kam direkt die nächste Welle sobald die eine vorbei war. Ich schrieb K. eine Sms und sie machte sich direkt auf den Weg – sie hat etwas über 1h Anfahrt.

Das gleiche Muster Sekundenschlaf – aufstehen und Wehe veratmen – Sekundenschlaf ging weiter. Um 4 Uhr hörte ich dann K.s Auto die Einfahrt reinfahren. Sie und ihre Schülerin kamen ins Haus und ich musste schon bei der Begrüßung 3 Wellen verarbeiten. Wir gingen alle ins Schlafzimmer und die beiden setzten sich erstmal auf Esszimmerstühle in die Ecke während ich eine Welle nach der anderen verarbeitete. Niemand sprach. Im Kerzenlicht wehte ich etwas vor mich hin, tauschte Position nach Position. K. fragte ob sie mich in der nächsten Pause untersuchen darf. Also warteten wir darauf, dass mal eine kleinere Pause dazwischen kam – aber sie kamen mitlerweile schon so schnell nacheinander, dass es etwas dauerte bis ich mich bereit fühlte untersucht zu werden. Das Ergebnis: ich war schon bei 8cm!

Nur kurze zeit darauf gingen die Wellen schon in ein Pressgefühl über. Die Wehen ab dann wurden echt unangenehm. Ich fluchte bei jeder Wehe und merkte, dass ich mich immer mehr traute mitzupressen. Mein Becken fühlte sich jedoch an, als würde es gleich zerspringen. K. fragte ob sie mich während einer Wehe untersuchen kann um nachzufühlen wie das Köpfchen liegt. Bei der nächsten wehe spürte sie dann, dass die Fruchtblase sehr sehr prall ist, die Fruchtblasenhäute aber sehr fest und das Köpfchen nicht ganz gerade im Becken steht.

Ich sollte deshalb nun versuchen am Tuch zu stehen und bei jeder Welle abwechselnd einen Fuß auf einen Stuhl zu stellen, um damit das Baby ins Becken zu kippen. Das war so unausstehlich – ich konnte einfach nicht gerade stehen. Langsam fing ich an zu jammern, dass ich doch einfach nur schlafen will und das nicht schaffen werde. Insgeheim wusste ich, dass diese Phase ganz normal war und hatte gleichzeitig so Angst, dass man mich beim Wort nimmt und verlegt.

Stehen ging aber nicht mehr. Also hockte ich mich nun vor den Stuhl auf den Boden, mit dem Oberkörper auf die Sitzfläche des Stuhls gelegt und griff die Streben an der Rückenlehe zum Halt. James saß dahinter und hielt zwischendurch meine Hand und die Lehne des Stuhls fest, und sprach mir leise Mut zu. K. fragte dann, ob sie in der nächsten Welle die Fruchtblase öffnen dürfe, da diese ja so unglaublich prall und fest war und es gerade nicht vorran ging. Ich bejahte und der Moment, als sie dann geöffnet wurde war so erstaunlich entlastend. Ich spürte wie warmes Wasser austrat und der Kopf dabei ein Stück tiefer in mein Becken sank.

Ab diesem Zeitpunkt fühlten sich die Presswehen anders an, mein Becken war nicht mehr kurz davor zu zerspringen. Sofort merkte ich, dass sich das Baby versuchte rauszuschieben. Ich gab mich dem Gefühl hin und brüllte wie ein Vikinger im Kampf. In der nächsten Welle trat die Stirn heraus und blieb so stehen. Gefühlte 20 Minuten ließ eine weitere Welle auf sich warten, doch K. sagte nachher, dass es sehr viel schneller ging. Mit der nächsten Welle kam das Köpfchen bis zur Wange. Ich bemerkte plötzlich, dass Sienna aufgewacht war und aufeinmal auf James Schoß an meinem Kopfende saß. Im nachhinein sagte sie, sie wusste, dass das Baby kommt als sie mich hörte und wollte mit dabei sein. Ein Glück, dass sie gut vorbereitet war. Die nächste Wehe kam und mit ihr direkt das ganze Kind, ein ganzer Schwall Fruchtwasser und aufeinmal war der ganze Druck weg. Es war 6.48Uhr.

Ich hörte die ersten Schreie meines Babys, die Hebammen legten es mir zwischen meine Beine auf die Matte. Nach der direkten Erleichterung fing ich an zu realisieren, dass sie da war und hob sie hoch. Ich schloss mein Baby fest in meine Arme und stotterte vor Freude und Aufregung vor mich hin. Außer Atem rief ich Sienna zu mir und sah, wie James sich in diesem Moment die Tränen aus dem Gesicht strich.

Alle halfen mir aufzustehen, damit ich ins Bett gehen konnte um dort die Plazenta zu gebären und das erste mal anzulegen. Die Hebammen fingen an aufzuräumen und James, Sienna und ich kuschelten mit dem Baby im Familienbett während die Hebammen dann noch in aller Ruhe Papierkram erledigten und frühstückten. Nach etwa 30 Minuten half K. etwas mit der Plazenta nach und James nabelte die auspulsierte Nabelschnur ab. Dann schaute sie nach Geburtsverletzungen – ein kleiner Scheidenriss musste genäht werden. Auf meinen Wunsch hin machten sie uns auch noch einen Plazenta-Abdruck auf Aquarellpapier. Erst dann wurde die U1 gemacht und das Baby ausgemessen. Unsere Olivia ist 53cm groß und 4580g schwer, hat einen Kopfumfang von 36cm.

Die Hebammen packten schließlich langsam alles zusammen und verließen unser Haus gegen 8 Uhr Morgens. K. lobte mich bei der Verabschiedung – ‚was eine instinktive Gebärende!‘ und sagte noch, dass mir wohlmöglich bei dem Gyn-Termin, der eigentlich heute Vormittag anstand, die Hausgeburt verboten/ausgeredet worden wäre, hätten sie das Baby beim Ultraschall mit diesen Maßen ausgemessen (wegen Zustand nach KS). Umso größer ist die Freude, dass Olivia sich vorher noch schnell auf den Weg machte und wir diese kräftige und unglaublich bereichernde Hausgeburt erleben durften. Noch nie war ich meinem eigenen Körper so nah, noch nie habe ich sowas überwältigendes erlebt und noch nie war ich so stolz auf mich und meine Instinkte.

Olivia – 13.1. – 6.48Uhr – 4580g – 53cm – 36cm KU – geboren bei 40+4 – Zuhause im Kreise der Familie 🖤